31.01.2022 ‐ Presse

Mit Schuhen bringst’s Geld nicht weg

Warum sich Oberbank-Chef Franz Gasselsberger für höhere Zinsen ausspricht und ihn die Stille um den angekündigten Wegfall der Aktiensteuer auf die Palme bringt.

 

Quelle: Salzburger Nachrichten, 31.01.2022

Foto:  Foto Lui, 2021

 

Die Pläne des neuen Finanzministers Magnus Brunner, die Kapitalertragssteuer auf Wertpapiere abzuschaffen, hat wenige und wenn, dann negative Reaktionen ausgelöst. Angesichts der Spar-, Pensions- und Inflationssituation sei das ein Versagen, sagt Oberbank-Generaldirektor Franz Gasselsberger.


Salzburger Nachrichten: Die Abschaffung der Aktiensteuer sei ein Zubrot für die Reichen, sagen Kritiker. Ganz von der Hand zu weisen ist das nicht. Wie könnte man das verhindern?

Franz Gasselsberger: Wer bereit ist, unternehmerisches Risiko zu tragen, sprich in Aktien zu investieren, hat einen Zugang zum globalen Finanzmarkt. Wer etwa 50 Euro in einen Fondssparplan investiert, hat die Chance, der gegenwärtigen Realwertverlustfalle zu entrinnen und den Gewinn steuerfrei zu lukrieren. Das ist nicht nur etwas für Spekulanten, wenn man gleichzeitig eine Behaltefrist für die Aktien einführt.


Wie lang sollte diese Behaltefrist sein?

Ein Jahr ist zu wenig, fünf Jahre zu lange. Ich würde drei Jahre vorschlagen. Wenn ich mir die Aktieninvestoren bei uns anschaue, dann sind das zum geringsten Teil kurzfristige Spekulanten, die meisten, die in Aktien investieren, haben eine Kauf- und Behaltestrategie.

 

Der Wegfall der Steuer wäre ein so großer Motivationsfaktor?

Ja, die Österreicherinnen und Österreicher sind so gestrickt. Wenn es einen steuerlichen Vorteil gibt, wollen sie sich den nicht entgehen lassen. Und dann fühlen sich vielleicht manche – auch in Oberösterreich und Salzburg – motiviert, in heimische Firmen zu investieren.


Für wen ist es wichtig, dass die breite Bevölkerung in Aktien investiert?

Eine Politik, die sich der Nachhaltigkeit verschrieben hat, muss auch finanziert werden können und dafür brauchen wir den Zugang zum Kapitalmarkt. Die Firmen benötigen das private Kapital für ihre Transformation. Auch für die dritte Säule in der Pensionsvorsorge (private Vorsorge, Anm.) wird es ohne Aktien nicht gehen. Die Pensionen sind nicht ad infinitum garantiert.

 

Es wird gemunkelt, die Grünen möchten den Wegfall der Aktiensteuer nur für nachhaltige Investitionen. Was halten Sie davon?

Die Frage ist, was ist nachhaltig? Bei Fonds tut man sich leichter. Aber ist die voestalpine nachhaltig? Oder die Oberbank? Das ist mir noch nicht klar, wie das gehen sollte.


Konsumenten und Sparer leiden unter Inflation und niedrigen Zinsen. Wer keine Geldentwertung hinnehmen will, ist auf den Aktienmarkt angewiesen. Sie plädieren für höhere Zinsen. Warum?

Mich stört die schwammige Haltung der Europäischen Zentralbank. Vor 20 Jahren hat man uns Banken erklärt, dass die EZB die unabhängigste Notenbank der Welt sei, die nur dem Geldwert und der Kaufkraftstabilität verpflichtet sei, und dass die US-Notenbank nur politische Besetzungen mache. Jetzt haben wir in den USA eine klare Geldpolitik und in der EZB eine Gemengelage aus Kaufkraft- und Geldwertstabilität sowie der Staatsverschuldung im Blick. Die politische Würdigung der Verschuldung der Länder finde ich schade. Wenn nicht jetzt, wann dann sollte ein Zeichen zur Normalisierung gesetzt werden? Es geht um den Kaufkraftverlust von vier bis fünf Prozent pro Jahr. Das trifft nicht nur Vermögende, sondern jede und jeden von uns. Die Geldentwertung findet statt.


Können sich die Unternehmen und die verschuldeten Staaten überhaupt höhere Zinsen leisten?

Die Wirtschaft würde mit etwas höheren Zinsen leben können. Die Negativzinsen sind nicht kreditanregend, Unternehmen investieren dann, wenn sich das Projekt rechnet. Zu den verschuldeten Staaten: Österreich hat eine gewaltige Staatsverschuldung, aber eine Zinsenlast von nur 3,5 Milliarden Euro. Warum sollte ein Politiker angehalten sein zu sparen? Die Inflation wird nicht einfach wieder verschwinden.


Als Sie Anfang vergangenen Jahres einen extrem optimistischen Ausblick für 2021 gegeben hatten, gab es Zweifler. In den vergangenen Tagen haben Sie ein wenig besorgt geklungen. Wenn man Sie als Orakel missbrauchen dürfte, muss man besorgt sein?

(lacht) Man sollte sich nicht durch kurzfristige Störungen aufhalten lassen. Manchmal sind wir aber in der Tagessituation gefangen. Der Russland-Ukraine-Konflikt lässt mich nicht kalt. Aber ich bin auch für heuer sehr optimistisch.

 

Warum?

Als Regionalbank haben wir das Ohr nahe am Markt. Die Wirtschaft ist auf einem guten Wachstumspfad, es gibt möglicherweise Verzögerungen, aber sie lässt sich nicht aufhalten. Die Läger der Industrie sind bei Weitem nicht gefüllt, die Kreditnachfrage im Jänner und im gesamten ersten Quartal ist bei uns auf einem sehr hohen Niveau. Bei den Krediten haben wir eine Nettozuwachsrate wie nie zuvor.


Auch der Konsum ist ein Wachstumstreiber. Die Sparquote ist zu hoch, die Menschen können keine Autos kaufen und keine Fernreisen machen, und nur mit Schuhen bringst’s Geld nicht weg. Das alles wird ein Treiber Richtung Sanierung und Möbelkauf. Meines Erachtens wird die Konjunktur zu wenig gewürdigt, und die Inflation in Relation überinterpretiert.