26.05.2020

Konjunktur quo vadis?

Haben wir noch zu Beginn dieses Jahres darüber lamentiert, dass wir im Euroraum eine Wachstumsdelle aber keine Rezession erwarten, schaut die Welt jetzt ganz anders aus.

Im Februar prognostizierte die Europäische Kommission für die EU ein Wirtschaftswachstum von 1,4 % im Jahr 2020. In ihren Prognosen erwähnte sie damals COVID-19 als kurzfristiges Risiko für China mit beschränkten globalen Auswirkungen. Aktuell zeigt sich folgende Erwartung: Die Wirtschaftsleistung der EU soll 2020 um 7,4 % schrumpfen. Vor der Ausbreitung des Coronavirus war der Ausblick für den Osten der EU wie üblich positiver als für den Westen. Die aktuellsten Prognosen sehen die größten Rückgänge des Bruttoinlandsprodukts nun in den südlichen Mitgliedstaaten der EU. Am wenigsten negativ ist der Ausblick für Mitteleuropa – dies ist auf die unterschiedlichen fiskalpolitischen Spielräume der einzelnen EU-Länder bei der Bekämpfung der Corona-Krise zurückzuführen. Am wenigsten soll das BIP laut Europäischer Kommission in Polen schrumpfen („nur“ um 4,3 %), gefolgt von Luxemburg und Österreich (-5,5 %). Deutschland, Tschechien und Ungarn, wo die zyklische, exportorientierte Automobilindustrie eine wichtige Rolle spielt, sollten etwas stärker betroffen sein.  

 

In Amerika schaut das Bild nicht viel anders aus als in Europa, auch hier erleidet die Wirtschaftsleistung einen deutlichen Einbruch. Dramatische Arbeitslosenzahlen sowie riesige Schuldenberge der einzelnen Staaten trüben zudem die Hoffnungen auf ein baldiges Ende der negativen Aussichten.

 

Und doch: Konjunkturprognosen sind in der aktuellen Phase der Corona-Krise so schnell überholt wie die Zeitung von gestern.

 

Wenn die Zahlen zum Wirtschaftswachstum unsicher sind wie selten zuvor, lassen sich dennoch ein paar entscheidende Spielfelder abstecken, die den weiteren Konjunkturfortgang bestimmen können.

 

Welche Wirtschaftsfaktoren könnten die aktuell geschätzten BIP-Zahlen und die Konjunktur entscheidend beeinflussen und verändern?

 

Ein erster Faktor ist die Hoffnung auf einen Impfstoff oder ein Medikament. Ein Durchbruch könnte dazu beitragen, die Konsumenten, Produzenten und Staaten wieder positiver zu stimmen. Blickt man zuversichtlich in die Zukunft, steigen Konsum- und Investitionsfreude.

 

Unentschieden ist bisher die Frage, ob Länder mit einer rigiden Corona-Strategie (Deutschland, China…) oder Länder mit einem lockeren Umgang (USA, UK…) ihre Wirtschaft schneller in die Gänge bringen. Die Frage einer zweiten Infektionswelle hängt mit diesen Krisenzugängen zusammen. Sind z. B. die USA, Großbritannien oder Schweden durch eine höhere Immunisierung wirtschaftlich resistenter? Generieren sie langfristig einen Vorteil und einen Vorsprung gegenüber anderen Ländern? – Das wird die Zukunft weisen.

 

Ein Punkt, der die Eurozone auf jeden Fall beschäftigen und sogar bremsen wird, ist die mögliche Wiederkehr der Schuldenkrise der südlichen Euroländer im Nachgang der Pandemie. Die vielen Förderungen und Garantien werden bei einer reduzierten Wirtschaftsleistung noch schwerer wiegen und die Staatsverschuldung in die Höhe treiben. Fraglich ist, ob hier der diskutierte Wiederaufbaufond in Höhe von 500 Mrd. Euro auf Basis von Krediten ausreichend sein wird. Die Summe scheint lächerlich klein, allein für Italien mit einer Staatsschuld von 2.284 Mrd. Euro (Quelle: Bloomberg). Eine Staatsschuldenkrise 2.0 könnte deutlich heftiger ausfallen als 2011/12 und die Eurozone und den Euro in den Grundfesten erschüttern. Die ungelenke Konstruktion des Euro, ist schon jetzt eine Hypothek.

 

Eine Lehre, die die USA und viele andere Staaten aus der Pandemie gezogen haben, ist die Abhängigkeit von China. Viele Produkte und Produktionsprozesse sind in China konzentriert. US-Präsident Trump hat deswegen einen langfristigen Plan in die Wege geleitet, der viele Zulieferketten in den nächsten Jahren verändern könnte. Das würde die Exportnation China unter Druck bringen, einen Abbau von Überkapazitäten nach sich ziehen und die Wirtschaft Chinas deutlich schwächen.

 

Offen ist auch, ob das europäische Wirtschaftssystem mit vielen sozialen Absicherungen für Arbeitnehmer (Kurzarbeit, Arbeitslosenschutz…) oder das harte amerikanische System mit einem Heer an Arbeitslosen eine raschere wirtschaftliche Erholung fördert. Arbeitnehmer sind auch Konsumenten und ein bleibender Rückgang der Konsumnachfrage würde die inländische Konjunkturerholung verzögern und bremsen.

 

Aber vielleicht werden besonders jene Länder die Gewinner der Corona-Pandemie sein, die schnell die richtigen Lehren ziehen. So könnten Staaten, die den Wiederaufbau zur „Digitalisierung“ vieler Lebensbereichen nutzen, auf der Gewinnerseite stehen. Werden Staatshilfen an Digitalisierung und an den Megatrend „Klimaschutz“ festgemacht, könnte das den Zündfunken für ein neues Wirtschaftswachstum in so manchem Staat geben.

 

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