10.03.2021 ‐ Presse

Einer der größten Aufschwünge, die wir je gesehen haben

Oberbank-Chef Franz Gasselsberger ist für die heimische Wirtschaft optimistisch.

75 Cent je Aktie wird die Oberbank für das Jahr 2020 zahlen. Und wenn Generaldirektor Franz Gasselsberger recht behält, wird die Dividende nächstes Jahr höher ausfallen, weil die gesamte Wirtschaft heuer einen beispiellosen Aufschwung erlebt, wie Gasselsberger im Gespräch mit den OÖNachrichten vorhersagt.


Dietmar Mascher: Viele Banken treffen massive Kreditvorsorgen, weil sie davon ausgehen, dass nach diesem Jahr und dem Auslaufen der Unterstützungen etliche Kunden in wirtschaftliche Probleme geraten. Wie geht es Ihren Kunden?
Gasselsberger: Als Bank der Industrie und des Mittelstandes sehen wir mit wenigen Ausnahmen eine gute Entwicklung. Positiv laufen Autozulieferer, Holzverarbeitung, der Transport. Der Bau hat ebenfalls eine sehr gute Auftragssituation. Die größeren Kunden haben aus der Finanzkrise gelernt und schauen auf die strategische Liquidität. Es gibt aufgrund der guten Ertragslage der vergangenen Jahre Reserven. Ein kleiner einstelliger Prozentbereich der Kunden hat ein schlechteres Rating zu erwarten. Es gibt natürlich Branchen, die leiden: die Gastronomie, Teile des Tourismus und zum Teil der Handel.

 

Also ein eher positiver Ausblick aus Sicht der Bank?
Ich glaube, wir werden einen der größten Aufschwünge erleben, die das Land je gesehen hat.


Was macht Sie da so sicher?
Ich bin jetzt 38 Jahre in der Bank und 21 Jahre im Vorstand. Aber diese Voraussetzungen gab es noch nie. Die Sparquote ist mit 15 Prozent außerordentlich hoch, die Menschen wollen konsumieren, ins Gasthaus gehen und auf Urlaub fahren. Die Buchungslage bei den Fluglinien verbessert sich zusehends. Die Konjunkturprogramme werden zu wirken beginnen. Das löst massive Investitionen aus. Und der Export springt an, weil Asien gut läuft.


Wann kommt der Aufschwung?
Das steht und fällt mit den Impfungen. Ich verstehe den Unmut der Menschen, dass Versprechen nicht eingehalten werden. Es gibt Lieferengpässe. Es gibt aber auch Probleme in der öffentlichen Verwaltung, die auf bestimmte Prozesse nicht vorbereitet war.


Wie sehr sorgen Sie für Kreditausfälle vor?
Ausreichend, aber Details veröffentlichen wir erst mit der Bilanz Ende März. Mit unserer Kernkapitalquote gibt es jedenfalls keinen Anlass zur Sorge.


Es gibt Verknappungen bei Rohstoffen und eine Verteuerung der Frachtkapazitäten, die Energiekosten steigen. Es gibt schon zunehmende Inflationsängste. Zu Recht?
Tatsächlich werden die genannten Dinge die Teuerung erhöhen. Möglicherweise ist auch das enorme Konjunkturprogramm etwas übertrieben. Denn die Zinsen auf zehn Jahre haben sich innerhalb weniger Monate verdoppelt. Für heuer und nächstes Jahr rechne ich mit einer Inflationsrate zwischen zwei und drei Prozent. Vor kurzem hatten wir noch Deflationsängste, und ich halte Inflation in einer Bandbreite nicht für schlecht. Für die Anleger ist es im Nullzinsumfeld natürlich keine gute Nachricht, weil damit Geld schleichend entwertet wird.


Verhalten sich Anleger anders?
Den großen Umschwung sehe ich noch nicht. Aber im Vorjahr haben einige die Gunst der Stunde genutzt, als die Aktienkurse unter Druck waren. Man muss aber bedenken, dass der durchschnittliche Österreicher 40.000 Euro auf dem Sparbuch hat. Langfristige Aktienanlage beginnt aber bei höheren Beträgen. Was wir bemerken, ist die steigende Nachfrage nach grünem Investment, das betrifft rund ein Viertel aller Fondskäufe.


Wie hat sich das Verhalten der Bankkunden 2020 verändert?
Hier hat sich am meisten verändert. Es gibt zwei große Trends: Das Bedürfnis nach persönlichen Gesprächen in der Filiale oder über Video hat massiv zugenommen. Einfache Bankgeschäfte machen die Kunden selbst. Die Zahl der Onlinekontakte pro Tag ist 30 Mal so hoch wie jene der Filialbesuche. Massiv erhöht haben sich die Kartenzahlungen. Die Zahlungen mit Bankomatkarte sind seit 2016 um 75 Prozent gestiegen, die Geldbehebungen über Bankomat sind um fast 30 Prozent gesunken, die Zahl der Geldbehebungen am Schalter hat sich halbiert.


Sie haben seit einem halben Jahr mit Martin Seiter ein viertes Vorstandsmitglied. Ist das der Beginn eines Generationenwechsels in der Bank?
Man muss sich immer mit der Zukunft beschäftigen. Diese Besetzung war aber auch notwendig, weil die Oberbank größer geworden ist und die Aufgaben vielfältiger. Aber über den Vorstand entscheidet der Aufsichtsrat.


Und dass noch immer keine Frau im Vorstand sitzt?
Wie gesagt, das entscheidet der Aufsichtsrat. Aber es stünde auch der Oberbank gut an, eine Frau in den Vorstand zu holen.
 

Quelle: OOE Nachrichten, Wirtschaft, 04.03.2021