21.04.2021 ‐ Presse

Überall, wo ich hinkomme, brummt es!

Oberbank-Chef Franz Gasselsberger hat im Interview mit Andreas Lampl einen ungetrübten Blick auf die Wirtschaft. Er ortet einen unglaublichen Aufschwung der Industrie, erwartet eine Explosion des Konsums – und sieht keinen Insolvenz-Tsunami.

 

Quelle: Trend, 16.04.2021, S. 24ff

Fotoquelle: Peter Rigaud

 

Lampl: Wie stellt sich die aktuelle wirtschaftliche Lage in Österreich aus Sicht einer Bank mit starkem Firmenkundengeschäft dar?

Gasselsberger: Deutlich besser als erwartet. Es wird zu viel schlechte Stimmung verbreitet und zu wenig über die positiven Aspekte geredet. Wir sehen bei den exportorientierten Unternehmen schon in den letzten Monaten unglaubliche Aufschwungstendenzen. Der Auftragseingang ist längst über Vorkrisenniveau angekommen. Die Betriebe klagen über Kapazitätsengpässe. Das Thema Facharbeitermangel ist wieder allgegenwärtig. Und die Oberbank hatte ein hervorragendes erstes Quartal in der Kreditnachfrage. Es sind extrem viele Projekte am Markt, die jetzt aus der Schublade gezogen werden. Ich denke mir schon manchmal, hoffentlich kommt nicht alles.

 

Welche Branchen stehen besonders gut da?

Alles rund ums Thema Transport und Logistik – bekanntlich der wichtigste Frühindikator für die wirtschaftliche Entwicklung. Aber auch Maschinenbau und Fahrzeugindustrie haben eine ausgesprochen gute Auftrags- bzw. Ertragslage. Und die Baubranche boomt.

 

Die Prognosen zum Wirtschaftswachstum 2021 sind für Österreich eher mies, nämlich rund um zwei Prozent, und für Europa insgesamt verhalten. Die erscheinen Ihnen zu pessimistisch?

Das Wachstum für den Euro-Raum wird laufend nach oben revidiert, zuletzt auch von unserer Nationalbank. Sie haben insofern Recht, als es in UK, den USA oder China heuer doppelt so hoch liegen wird; bei sechs Prozent und mehr. Aber auch bei uns beobachte ich mehr als nur Frühlingsboten – das Wachstum ist einfach da. Ich habe schon im Jänner vom größten Wirtschaftsaufschwung in der Nachkriegszeit gesprochen, da haben noch viele den Kopf geschüttelt. Aber es wird halt zu viel über Gastronomie und Tourismus gesprochen, über die Probleme im Dienstleistungssektor, die wir zweifellos haben, und zu wenig über die positiven Seiten vor allem in der Industrie geredet bzw. geschrieben.

 

Was daran liegen kann, dass Österreich trotzdem ein Nachzügler ist. Mehr als ein Plus von 2,5 Prozent traut uns kein Experte zu.

Es ist schon richtig, dass wir innerhalb des Euro-Raums dem Durchschnitt hinterherhinken und gegenüber anderen Wirtschaftsräumen klar schlechter dastehen. Nur darf man deswegen nicht den globalen Blick verlieren. Denn wir profitieren, längerfristig gesehen, vom internationalen Umfeld. Wir machen oft den Fehler, die momentane Situation in die Zukunft zu projizieren. Wenn die Lockdowns bald einmal beendet sind, wovon ich ausgehe, dann wird das Konsumbedürfnis explodieren. Und dann wird sich auch der Dienstleistungssektor erholen. Die Österreicher haben im Vorjahr 20 Milliarden Euro angespart bzw. nicht ausgegeben. Wenn die Sparquote nur von 15 auf neun Prozent zurückgeht, bedeutet das ein Konsumvolumen von elf Milliarden Euro. Die Leute wollen Geld ausgeben, sie wollen reisen – siehe die guten Buchungen bei vielen Fluglinien.

 

Dass ein Teil der Menschen durch die Pandemie weniger Geld zur Verfügung hat, wird sich nicht auswirken?

Ein gesellschaftliches Thema haben wir natürlich schon. Es sind eher die oberen Einkommensschichten, die gespart und jetzt Geld zur Verfügung haben. Das liegt in der Natur der Sache.

 

Etliche heimische Unternehmen fürchten, Marktanteile zu verlieren, weil die Mitarbeiter der Konkurrenz längst wieder ungehindert Kunden besuchen können, während ein Großteil Europas, darunter Österreich, Corona nicht in den Griff kriegt. Laufen wir nicht Gefahr, noch weiter zurückzufallen?

Es besteht kein Zweifel, dass die Pandemie in anderen Regionen deutlich schneller bewältigt wurde; siehe die unterschiedlichen Wachstumsraten. Man hat Boris Johnson und Donald Trump belächelt, aber das Tempo der Durchimpfung ist dort wesentlich flotter. Das lässt sich nicht leugnen.

 

Haben Sie angesichts dessen noch Vertrauen in den öffentlichen Sektor in Österreich bzw. Europa?

Die Situation ist jedenfalls wieder ein Beleg dafür, dass Prozesse, Entscheidungen, Beschaffung oder Bewilligungsverfahren im vereinigten Europa viel zu behäbig und bürokratisch sind. Das ist es, was die Menschen zu Recht erzürnt und die schlechte Stimmung verbreitet.

 

Worauf wir hinaus wollten: Wenn Europa aktuell weiter an Boden verliert, ist das für die Wirtschaft nicht auch langfristig ein gravierendes Problem?

Ganz so einfach kann man die Rechnung nicht machen. Wir haben eine sehr starke Exportwirtschaft und profitieren vom stärker werdenden Dollar und dem Boom in den USA. Außerdem sind die Qualität der Produkte und die Ausbildung der Mitarbeiter hier ausgezeichnet. Wenn US-Präsident Biden 2.000 Milliarden Dollar in die Infrastruktur investieren will, wird er sehr stark europäische Unternehmen dafür brauchen.

 

Den Meinungen, wonach Europa der große Verlierer der Corona-Krise ist und der Schwachpunkt der globalen Wirtschaft bleiben wird, pflichten Sie nicht bei?

So würde ich das nicht unterschreiben. Gerade beim Thema Nachhaltigkeit, dem sich die Unternehmen weltweit nicht werden entziehen können, hat Europa eine Vorreiterrolle. Der Druck der Konsumenten, der Kapitalmärkte und der Regulatoren wird so groß, dass ihn auch die amerikanische und die chinesische Wirtschaft nicht mehr ignorieren können. Bei diesem Wandel gibt Europa den Ton an. Ich glaube keinesfalls, dass Europa das Freilichtmuseum für den Rest der Welt wird, wie manche sagen.

 

Durch das Anziehen der Konjunktur steigen die Preise, momentan vor allem die Rohstoffpreise. Wie schätzen Sie die Inflationsgefahr ein?

Wir werden Inflation bekommen, die Experten streiten, ob zwei oder drei Prozent. Parallel dazu ist auch die Zinskurve im Steigen begriffen. In den USA haben sich die Kapitalmarktzinsen verdreifacht. Das ist an und für sich eine gesunde Entwicklung. Das Problem ist, dass die steigenden Rohstoffpreise – bei Vormaterialen am Bau explodieren sie förmlich – in den offiziellen Warenkörben viel zu wenig abgebildet sind; genauso wie die Immobilienpreise. Gefühlt ist darum die Inflation viel höher. Wir haben ja momentan schon konjunkturelle Überhitzungstendenzen: Wer jetzt bauen muss, ist ein armer Hund, wenn ich mir die Preise anschaue. Aber ich glaube, dass sich die Verhältnisse bis zum Herbst wieder normalisieren werden, weil der Hauptgrund für den Preisauftrieb die leeren Waren-Pipelines in den Unternehmen sind.

 

Wie angesprochen gibt es eine große Zahl an Dienstleistungsunternehmen, die mehr leiden als die Industrie. Der teilweise recht großzügigen Hilfen des Staates für diese werden wohl bald zurückgefahren müssen. Was dann?

Wir werden uns langsam Gedanken machen müssen, wie die Welt nach Covid und ein Leben ohne staatliche Hilfen ausschauen wird. Ich glaube, auch da sollte man die Kirche im Dorf lassen: Für die meisten Unternehmen wird das nicht das ganz große Problem, sobald wir wieder Normalität haben. In der Oberbank machen aus der Not geborene Kreditstundungen sowohl im unternehmerischen als auch im privaten Bereich nur ein verschwindendes Volumen aus. Ich sehe den Insolvenz-Tsunami, der oft herbeigeredet wird, überhaupt nicht. Wahrscheinlich wird es nach 40 Prozent weniger Insolvenzen 2020 eine gewisse Gegenbewegung geben. Aber wir haben mit allen unseren Firmenkunden ab einem gewissen Kreditvolumen gesprochen, und deren Aussichten für 2021 sind weit überwiegend positiv.

 

Das gilt auch für Hotels zum Beispiel?

Wir sind seit fünf Jahren in der Tourismus-Finanzierung tätig, viele unsere Kunden haben die Abwesenheit von Gästen genutzt, massiv zu investieren. Man hat etwa die Investitionsprämie in Anspruch genommen. Bei meinen Kunden und deren Lieferanten ist es nicht so schlecht, wie gerne kommuniziert wird. Diejenigen, die bei uns in der Problemkredit-Bearbeitung sind, hatten schon vorher Probleme.

 

Die Kreditausfälle und Risikovorsorgen der Oberbank bewegen sich im erträglichen Rahmen?

Wir haben unsere Risikovorsorgen im letzten Jahr verdreifacht und für heuer hohe Summen budgetiert, die wir hoffentlich nicht brauchen werden. Das erste Quartal stimmt mich schon einmal sehr zuversichtlich. Wir mussten nur bei sechs, sieben Prozent der Kunden eine interne Rating-Verschlechterung vornehmen. Der Mittelstand hat aus der Finanzkrise viel gelernt. Die Betriebe haben sich mit strategischer Liquidität beschäftigt – für den Fall, dass ... Und sie haben durch die gute Ertragslage vor 2020 ihre Eigenkapitalposition entsprechend aufgebaut. Der überwiegende Teil der Unternehmen ist ganz anders aufgestellt als vor zehn Jahren. Und wenn jemand nach einem halben oder dreiviertel Jahr schon ein Liquiditätsthema hat, stellt sich ohnehin die Frage, ob sein Geschäftsmodell robust genug ist. Ich bin ja nicht bekannt dafür, die Dinge schön zu reden, aber ich sehe wirklich kein Problem größeren Ausmaßes. Sogar unsere Kunden im Tourismus stehen mit einer Ausnahme gut da.

 

Die Oberbank war bisher auch nicht gezwungen, Kredite in Eigenkapital zu wandeln?

Nein, gar nicht. Wir haben seit längerem einen Eigenkapitalfonds, den Oberbank Opportunity Fonds, der für Wachstumsinvestitionen, bei denen mit Krediten nicht das Auslangen gefunden wird, Mittel zu Verfügung stellt. Und der Unternehmer entscheidet dann selbst, zu welchem Zeitpunkt wir wieder abgeschichtet werden. Aber Eigenkapital für Sanierungen sehe ich nicht als Aufgabe der Oberbank.

 

Kurz noch ein Schwenk zu den Kapitalmärkten. Die mögen Unsicherheiten bekanntlich gar nicht. Dennoch führen die besonderen Umstände dazu, dass viel Geld an die Börsen fließt. Aber die Problematik einer sogenannten „Asset Price Inflation“ kann man nicht negieren, oder? Die Stimmen, wonach im Anschluss an die Pandemie ein Börsencrash droht, werden lauter.

Ich glaube, dass die expansive Geldpolitik der Notenbanken, die die Aktienkurse treibt, anhalten wird. Auf der anderen Seite reagieren die Börsen extrem sensibel auf den Anleihenmarkt. Wenn dort die Zinsen steigen, reagieren sie mit Rückgängen. Der amerikanische Bond-Markt bewegt sich momentan bei rund 1,6 Prozent. Die Frage ist, wo liegt die kritische Grenze und ab wann wird gegengesteuert, weil die Staaten ja ein Interesse an niedrigen Kapitalmarktzinsen haben, durch die sich viel ersparen. Das vorauszusehen, ist extrem schwierig. Im Moment antizipieren die Börsen jedenfalls den Wirtschaftsaufschwung. Auch aus diesem Grund bin ich so optimistisch. Weil die Börse hat immer recht. Und egal, wo ich derzeit hinkomme: Es brummt überall. Ich verstehe nicht, warum die meisten Manager so zurückhaltend sind, das auch zu sagen – wenn sogar ein sonst schweigsames Familienunternehmen wie der oberösterreichische Maschinenbauer Engel öffentlich sagt, sie wurden aus der Krise hinaus katapultiert.