06.12.2021 ‐ Presse

Die Bankenaufsicht sollte jetzt bitte handeln

Oberbank-Generaldirektor Franz Gasselsberger attestiert der Regierung zu wenig Verständnis für den Kapitalmarkt und sorgt sich um die oft zu lockere Vergabe von Wohnbaukrediten. Die Bankenaufsicht müsse dies unterbinden.

Quelle: Foto Lui, 2021

 

Die Presse: Sparzinsen wird es auch auf lange Sicht keine geben. Gewöhnen uns die Notenbanken mit ihrer Nullzinspolitik das Sparen ab?
Gasselsberger: Nein, man kann den Österreicherinnen und Österreichern das Sparen nicht abgewöhnen. Die Sparquote ist so hoch, wie wir sie uns ja gar nicht wünschen. Die Leute können das Geld ja nicht ausgeben. Auch die Altersvorsorge ist unseren Kunden so wichtig wie nie zuvor.


Aber darf man das noch Sparen nennen bei einer so hohen Inflation und so mickrigen Zinsen?
Ja, womöglich sagen sich viele Leute: Zinsen gibt es zwar keine, aber die Unsicherheit ist groß. Also lege ich mehr Geld zur Seite, trotz des hohen Realwertverlusts.


Sicherheit ist uns also wichtiger als Zinsen?
Der durchschnittliche Sparer hält Geld vor, das für 37 Waschmaschinen reichen würde. Meiner Meinung nach sind das zu viele Waschmaschinen.


Hohe Inflation, keine Zinsen. Warum passen viele ihr Sparverhalten diesen Transformation nicht an?
Wenn man bei der jüngsten Steuerreform etwas für den Kapitalmarkt getan hätte, nur einen kleinen steuerlichen Anreiz geschaffen hätte, wäre das ein wichtiges Signal gewesen. Wenn die Österreicher einen steuerlichen Anreiz haben, sind sie sofort zu motivieren. Das hätte den Anlegern, dem Kapitalmarkt und der Altersvorsorge gutgetan. Ich verstehe nicht, warum die Regierung die Argumente der Expertinnen und Experten aus Finanz- und Versicherungswirtschaft nicht hört.
Da ist diese Regierung aber keine Ausnahme.
Ich finde, so wenig Verständnis für den Kapitalmarkt wie in dieser Bundesregierung hat es noch nie gegeben. Offenbar müssten die Türkisen ihrem Koalitionspartner sehr hohe Zugeständnisse machen. Dazu sind sie nicht bereit.


Wie schaffen Sie es, Anleger für den Kapitalmarkt zu gewinnen?
Man muss sich sehr viel Zeit nehmen, der Weg auf den Kapitalmarkt will auch gut überlegt sein. Es geht nicht um das schnelle Geschäft. Vor allem erklären wir unseren Kunden, was ein lang- oder mittelfristiger Zeitraum ist. Mit Geduld und mit dem harten Argument der Kapitalvernichtung bringt man immer mehr Leute dazu, darüber nachzudenken.


Wenn junge Leute über Geldanlage reden, dann reden sie oft über Bitcoin. Verstehen Sie diesen Hype? Würden Sie Bitcoins empfehlen?
Diese Bitcoin-Mentalität ist beunruhigend. Das ist hoch spekulativ und deshalb raten wir als Oberbank nicht dazu. Bitcoin hat weder mit Währung noch mit Aktien etwas zu tun. Man weiß nie, welchen Gesetzmäßigkeiten die Kursbewegung folgt.


Apropos Gesetzmäßigkeiten: Die Notenbank hat vor allzu lockeren Wohnbaukrediten gewarnt. Ist hier etwa Gefahr in Verzug?
Der Wohnbaufinanzierungsmarkt ist heiß umkämpft. Neben den niedrigen Zinsen führt gerade dieser Wettbewerb zu guten Konditionen für die Kunden. Leider wird der Wettbewerb nicht nur über die Konditionen, sondern auch über Eigenmittel, über Schuldendienstfähigkeit und Laufzeit ausgetragen. Und dazu gibt es eben von der Bankenaufsicht Empfehlungen. Man soll Eigenmittel, Schuldendienst und Laufzeit nicht unterschreiten. Und ich kann nur sagen: Die Aufsicht hat recht.


Der Oberbank-Chef wünscht sich also, dass die Bankenaufsicht hier strenger agiert?
Leider glauben viele, dass es auf dem Immobilienmarkt nur ein One-Way-Ticket nach oben gibt. Diese Leute haben noch nie eine Immobilienkrise erlebt. Ich habe eine erlebt. Und zwar in den 1990er-Jahren. Damals waren sogar in Salzburg Immobilien kaum noch veräußerbar.


Was raten Sie Ihren One-Way-Ticket-Kollegen?
Einen Blick in ein Betriebswirtschaftslehrbuch. Dort werden sie lesen, warum ein Eigenkapitalpuffer notwendig ist. Es ist auch allgemein bekannt, dass man einen gewissen Grad an Verschuldung nicht überschreiten sollte. Es ist doch klar, dass zu wenig Eigenmittel gepaart mit hoher Verschuldung eine sehr labile Angelegenheit sind.


Also doch Gefahr in Verzug?
Das wird jetzt viele meiner Kollegen nicht freuen, aber gewisse Standards müssen eingehalten werden, gewisse Verschuldungsgrenzen dürfen nicht überschritten werden, gewisse Laufzeiten auch nicht. Und deshalb glaube ich, dass sich die Aufsicht dieses Themas stärker annehmen und den Empfehlungen einen etwas verbindlicheren Charakter geben muss. Ich bin gespannt, wann sie das endlich tun wird. Die Bankenaufsicht sollte jetzt bitte handeln.


Welche Höhe sollten Kreditraten nicht übersteigen?
Sie sollen 30 bis 40 Prozent des frei verfügbaren Familieneinkommens nicht überschreiten. Das ist auch die Empfehlung. Bitte einhalten.


Reden wir noch über die digitale Transformation. Fast alle Banken schließen Filialen ...
... nur nicht die Oberbank. Unser wichtigstes Expansionsgebiet ist Deutschland. Wir sind in acht deutschen Bundesländern mit Filialen vertreten. Wir gehen nur in mittelgroße Kreisstädte, wo wir den Mittelstand ansprechen. Wir können uns diese Filialen deshalb leisten, weil wir nicht überfilialisiert sind. Wir kommen mit den geplanten fünf neuen Filialen in Deutschland nächstes Jahr insgesamt auf etwa 180 Niederlassungen. Da haben manche Mitbewerber allein in Oberösterreich mehr Filialen.


Der Fokus liegt auf mittelständischen Unternehmen.
Und Private Banking.


Das Private Banking ist mindestens so umkämpft wie die Wohnbaufinanzierung. Was sucht die Bank der Industrie und des Mittelstands auf dem Terrain?
Als ich vor 40 Jahren einen Job bei einer Bank gesucht habe, hat mein Onkel gesagt: „Franz, da gibt’s die Oberbank, die kennt sich bei Wertpapieren so gut aus.“ Die Oberbank war also vor 40 Jahren schon so gut im Wertpapiergeschäft, aber bekannt war sie als Bank für die Exportfinanzierung, des Auslandsgeschäfts, der Investitionsfinanzierung. Diese Kernkompetenz des Wertpapiergeschäfts haben wir weiterentwickelt. Unser großer Vorteil gegenüber all den Privatbanken ist, dass wir die Kunden bereits im Haus haben. Die Unternehmer, die Geschäftsführer, die Gesellschafter. Und zweitens haben wir eine eigene, klare Marktmeinung. Wir kaufen diese nicht von JP Morgan, Wells Fargo oder Goldman Sachs zu. Und natürlich haben wir mit der 3-Banken-Gruppe ein entsprechendes Asset an unserer Seite.


Und die hohe Inflation ist Ihr bester Anlageberater?
Ja, und sie wird uns noch lang begleiten. Es wird doch wohl keiner glauben, dass die Inflation schnell verschwindet. Auch nächstes Jahr werden gewisse Produkte knapp bleiben, die Lohnabschlüsse hoch ausfallen, und dann kommt noch die CO2-Bepreisung. Wir werden in den nächsten zwei Jahren sicher zwischen drei und 3,5 Prozent Inflation haben.