11.06.2021 ‐ Presse

Liebe Banken, danke! Das habt ihr gut gemacht.

Oberbank-Chef Franz Gasselsberger über den raschen Aufschwung, die momentane konjunkturelle Überhitzung und Bankmitarbeiter als Helden der Pandemiebewältigung.

 

Quelle: "trend" Nr. 23/2021 vom 11.06.2021 

Foto: Peter Rigaud

 

TREND: Sie haben im ersten Quartal über ein sehr gutes Kreditwachstum berichtet. Setzt sich dieser Trend fort?

FRANZ GASSELSBERGER: Absolut. Wir haben zu Jahresbeginn dieses Wachstum noch der Investitionsprämie zugeschrieben. Die ist ausgelaufen, und wir haben erwartet, dass dann auch die Investitionskredite zurückgehen werden. Aber dem war nicht so. Die Nachfrage ist hoch, die Zahl der Projekte groß.

 

Hat Sie dieser Boom überrascht?

Nein. Aus zahlreichen Kundengesprächen konnte ich diese Entwicklung schon sehr früh erkennen. In den Bereichen Industrie, Mittelstand und Gewerbe, bei Handel, Baufirmen, Maschinenbau oder Transport -unseren klassischen Kundensegmenten - hat schon im Herbst eine positive Stimmung geherrscht. Und daran hat sich nichts geändert. Im Gegenteil. Das hängt auch mit der Überhitzungstendenz in der Konjunktur zusammen, die wir derzeit schon erleben - siehe Arbeitskräftemangel und stark gestiegene Rohstoffpreise.

 

Bedeutet das, der Aufschwung ist möglicherweise nicht sehr nachhaltig?

Im Moment gibt es keinerlei Anzeichen, dass diese Tendenz abreißt. Aber auf Dauer kann so eine Überhitzung nicht anhalten. Die Frage ist: Mündet die Entwicklung in eine langsame Normalisierung oder kommt es zu einem abrupten Abbruch? Insofern ist der Aufschwung noch nicht abgesichert.

 

Wie hoch ist das Risiko durch die extrem hohen Rohstoffpreise?

Fast alle Unternehmen sagen mir, sie können diese Preise an ihre Kunden weitergeben. Einfach, weil die Ressourcen dringend gebraucht werden. Die Lager sind leer. Das bedeutet in letzter Konsequenz natürlich Inflation. Wir haben in den USA zuletzt schon 4,5 Prozent Preisanstieg gesehen. Aber ich erwarte keine langfristig inflationären Tendenzen.

 

Sie haben den Arbeitskräftemangel angesprochen. Zugleich suchen viele Menschen gerade jetzt nach Beschäftigung. Was läuft schief?

Das Problem liegt in der Qualifikation. Die Nachfrage nach hochqualifizierten Mitarbeitern ist enorm, auch bei uns Banken. Die Unternehmen müssen selbst in Weiterbildung ihrer Mitarbeiter investieren. Denn leider bekommen die jungen Leute von den Schulen nicht jenes Rüstzeug mit, das es in Unternehmen braucht. Da hilft kein Jammern. Das ist ein Faktor, dem man sich stellen muss.

 

Geförderten Kredite - eine Stärke der Oberbank - haben sich 2020 verzwanzigfacht. Die Regierung rechnet, dass ihre Maßnahmen ein Investitionsvolumen von 55 Milliarden Euro auslösen werden. Entspricht das Ihren Erfahrungen?

Die Kreditanträge sind auch bei uns exorbitant gestiegen. Die Investitionsprämie hat die Erwartungen übertroffen. Sie hat viele Unternehmen aus der Lethargie am Beginn der Krise wachgerüttelt. Sie wird ja zusätzlich zu bestehenden Investitionsförderungen gewährt. Wie eine Eigenkapitalspritze. Einziges Hemmnis sind die extrem langen Lieferfristen in vielen Sparten -etwa für einen Lkw bis zu einem Jahr.

 

Wie beurteilen Sie insgesamt das Coronakrisenmanagement der Regierung?

Der Staat hat gut gehandelt. Er hat der Wirtschaft ein Gefühl der Sicherheit vermittelt. Das Wesentliche war gar nicht so sehr das Ausmaß der Haftungen und Überbrückungsfinanzierungen. Die sind ja schon wieder stark zurückgeführt worden. Viele Haftungen werden auch gar nicht schlagend. Es geht mehr um den psychologischen Aspekt, dass jemand in so einer Krisensituation hilft. Selbst jene, die sonst jede Einmischung des Staates in die Privatwirtschaft ablehnen, haben interessanterweise laut nach dem Staat gerufen.

 

Befürchten Sie, der Staat wird auch nach der Pandemie stärker in die Wirtschaft eingreifen?

Das ist eine heikle Situation. Einige Branchen -etwa Tourismus oder Teile des Handels - fordern eine Verlängerung der Hilfspakete. Das sollte man sehr sachlich betrachten und auch im Dienstleistungsbereich die Konjunkturerholung abwarten, bevor man zu lange Unterstützungen gewährt. Die Durchimpfungsquote ist bereits sehr hoch. Wenn die Menschen wieder Normalität erleben, werden auch diese Branchen davon profitieren. Daher meine ich, dass man auch nicht mehr lange staatliche Hilfen braucht.

 

Hat sich durch die Krise in der Wirtschaft eigentlich die Haltung zu Fremdversus Eigenkapitalfinanzierung verändert?

Das glaube ich nicht. Die Banken sind extrem liquide. Sie sind in der Lage, die Wirtschaft mit Krediten zu versorgen. Die EZB hat alles getan, um den Markt mit billigem Geld zu fluten und die Banken zur Kreditvergabe zu motivieren. Der Kreditmarkt ist weiter sehr attraktiv. Geld kostet ja immer noch fast nichts. Warum sollten die Unternehmen da nicht zugreifen?

 

Sie würden es nicht begrüßen, wenn sich Unternehmen vermehrt über Eigenkapital finanzieren?

Jede Monokultur ist schlecht. Ich weiß das als frischgebackener Waldbesitzer, der auch eine entsprechende Ausbildung dafür gemacht hat. Gleiches gilt auch für eine Kredit-Monokultur. Natürlich sollten wir den Kapitalmarkt in Österreich stärker nutzen. Bei großen Expansionen reichen Kredite oft nicht aus. Da kann die Finanzierung über den Kapitalmarkt sinnvoller sein. Dafür braucht ein Unternehmen aber eine gewisse Größe.

 

Was bietet die Oberbank ihren Kunden an Eigen-und Mezzaninkapitalinstrumenten?

Wir haben seit 15 Jahren den Oberbank Opportunity Fund mit einem Volumen von 150 Millionen Euro. Wir stellen Unternehmen mit großen Wachstumsvorhaben als Minderheitsgesellschafter Eigenkapital zur Verfügung. Doch im Unterschied zu klassischen Private-Equity-Fonds legen wir nicht von vorneherein die Laufzeit fest. Wir setzen den Unternehmer nicht unter Druck. Er kann etwa unsere Beteiligung mit künftigen Gewinnen selbst zurückkaufen. Wir haben auch keine großen Ansprüche auf Mitsprache.

 

Wie kann eine Bank auch jenen Unternehmen, bei denen der Aufschwung noch nicht greift, helfen zu überleben?

Bei Unternehmen, die nur aufgrund der Pandemie kurzfristig in Probleme geraten sind, blenden wir das Bonitätsrating für das Jahr 2020 einfach aus und beurteilen die Planung sowie die Schuldendienstfähigkeit. Bei Tourismusbetrieben stellen sich manchmal für uns diese Fragen. Es gibt aber natürlich Unternehmen, die aus anderen Gründen Probleme haben: schlechtes Management, zu hohe Privatentnahmen, zu hohe Kosten oder ein nicht mehr zeitgemäßes Geschäftsmodell. Gibt es einen erhaltenswerten Kern, dann kann man auch diesen Unternehmen helfen. Wir bemerken aber generell keine großen Kreditausfälle. Die Oberbank wird die dafür gebildeten Rückstellungen wahrscheinlich nicht in dem Ausmaß brauchen. Sogar für die Gastronomie mache ich mir wenig Sorgen. Dieses Thema ist zwar in der Öffentlichkeit heikel. Aber wo sind denn die Lokale, die angeblich reihenweise zusperren müssen? Einer unserer Kunden ist zum Beispiel Gastronomieausstatter. Der hat im Lockdown ein Bombengeschäft gemacht.

 

Was haben denn die Banken generell zur Krisenbewältigung beigetragen?

Wir haben im zweiten Quartal 2020, in einer Phase der absoluten Verunsicherung, in der die Politik viel angekündigt, aber erst mit Verzögerung geliefert hat, die Rolle als Hausbank sehr stark ausgeübt. In dieser Zeit haben wir Unternehmen und auch Privatkunden die Kreditraten gestundet, haben Überbrückungsfinanzierungen gewährt, obwohl wir nicht wussten, wie es weitergeht. Damals hatten alle Stress: die Leute, die Geld brauchen, die Leute, die Geld haben, und genauso unsere Mitarbeiter, die bestmöglich beraten haben. Für mich gehören die Bankmitarbeiter auch zu den Helden der Pandemiebewältigung. Und ich hätte auch ganz gerne einmal gehört, dass jemand sagt: Liebe Banken, danke, das habt ihr gut gemacht.