14.01.2020 ‐ Presse

'Trend' Interview - Dr. Gasselsberger

Generaldirektor Dr. Gasselsberger im Interview über das vergangene Oberbank Jubiläumsjahr, neue Strategien und die Herausforderungen im kommenden Jahr.

trend: Herr Gasselsberger, die Konjunktur trübt sich ein. Spüren Sie das bereits bei der Kreditnachfrage?
Franz Gasselsberger: Grundsätzlich ist zu sagen: Das Jahr 2019 ist konjunkturell etwas schlechter gelaufen, als uns die Prognosen weismachen wollten. Dafür könnte 2020 umgekehrt etwas besser werden als vorhergesagt. Wir haben ja bis vor Kurzem noch über Rezession diskutiert. Die ist aus meiner Sicht abgesagt, aber eine Eintrübung der Konjunktur sehen wir schon. Ich höre allerdings von einigen Unternehmen in kritischen Branchen, Stichwort Automobilzulieferer, dass sich das erste Quartal 2020 etwas besser als gedacht entwickeln könnte. Wir haben jedenfalls nach wie vor eine gute Kreditnachfrage, in manchen Branchen wie in der Immobilien-, Bau-oder Tourismusbranche sogar eine sehr gute. Bei den Investitionskrediten sehen wir über alle Branchen sogar eine Zunahme, obwohl Großprojekte um 35 Prozent zurückgegangen sind.

 

Steigen die Risikokosten?
Gasselsberger: Bis jetzt nicht, wobei ich glaube, dass wir in eine Phase der Normalisierung kommen. Wir rechnen für 2020 mit höheren Risikokosten.

 

Wird sich für 2019 für die Oberbank wieder ein Rekordergebnis ausgehen?
Gasselsberger: Wir hatten nach neun Monaten ein sehr gutes Ergebnis, aber ich möchte mich beim Jahresergebnis noch nicht festlegen, weil es erfahrungsgemäß am Jahresende immer wieder zu Volatilitäten kommt und der Konzernabschluss auch vom Beteiligungsergebnis beeinflusst ist. Aber operativ sind wir auch 2019 auf Wachstumskurs.

 

Ihr Ergebnis ist durch die schwache Performance der Voest-Beteiligung beeinträchtigt. Basel IV wird auch noch mehr Eigenkapital zur Hinterlegung verlangen. Ein Problem?
Gasselsberger: Für uns stellt Basel IV in Hinblick auf die Industriebeteiligungen überhaupt kein Problem dar. Denn die Oberbank ist mit mehr als 17 Prozent Kernkapital sehr gut aufgestellt. Unsere drei Industriebeteiligungen - Voest, Lenzing und Energie AG - haben uns in den letzten Jahren so viel Freude gemacht, dass wir daran auf jeden Fall langfristig festhalten werden.

 

Die Oberbank arbeitet an einer "Strategie 2025". Welche Eckpfeiler hat die?
Gasselsberger: Wir arbeiten aktuell noch sehr intensiv daran, aber die drei Hauptthemen stehen fest: Digitalisierung, Expansion und Nachhaltigkeit. 75 Prozent unserer Kundenkontakte finden mittlerweile digital statt. Im Zahlungsverkehr sind es sogar fast 100 Prozent. Effizienzsteigerung und Kostenpotenziale durch Digitalisierung sind sogar höher, als ich dachte. Ab Mitte 2020 wird es Kredite bis 15.000 Euro online geben. Aber wir sind und bleiben weiter eine Beraterbank. Am Ende des Tages werden sich Banken nur durch ihre Mitarbeiter voneinander unterscheiden. Der Faktor Mensch wird sogar noch wichtiger werden.

 

Werden Sie gegen den Branchentrend weiter mit Filialen expandieren?
Gasselsberger: Wir haben heuer einiges weitergebracht: Sachsen ist abgeschlossen, Baden-Württemberg wurde forciert. Insgesamt haben wir sieben neue Filialen eröffnet. Nächstes Jahr kommen wieder sechs bis sieben neue Filialen dazu, darunter je eine in Ungarn und der Slowakei. Damit sind wir aber noch lange nicht überfilialisiert. Mit 180 Filialen in Österreich und Deutschland kann man uns wirklich nicht als klassischen Nahversorger bezeichnen. Wir haben unsere Expansion immer mit Augenmaß betrieben.

 

Was haben wir uns unter dem Kapitel Nachhaltigkeit vorzustellen?
Gasselsberger: Das ist ein Thema, das man sehr ernst nehmen muss, nicht erst seit Greta Thunberg. Die Klimadebatte ist mit großer Wucht und Tempo über die Banken hereingebrochen. Auf EU-Ebene wurde über Nacht ein Drei-Billionen-Dollar-Fonds für grüne Investitionen beschlossen. Wobei ich schon neugierig bin auf die Spannungen, wenn zum Beispiel manche Länder da auch Atomkraft dazu zählen. Auch das österreichische Nachhaltigkeitsministerium arbeitet daran, mit den Banken einen Green-Finance-Pakt abzuschließen. Darin sollen wir uns etwa verpflichten, nur mehr nachhaltige Veranlagungen und Finanzierungen zu tätigen.

 

Sind die Banken auf diese Entwicklung ausreichend vorbereitet?
Gasselsberger: Wir glauben schon, dass es ausreichend grüne Veranlagungen gibt und die auch nicht schlechter rentieren als andere. Der Kapitalmarkt ist ja ein starker Treiber für Green Finance, und es etablieren sich Ratings für Nachhaltigkeit. Wenn es aber dazu kommt, dass für nicht grüne Finanzierungen mehr Eigenkapital verlangt wird, gibt mir das schon zu denken. Ich frage mich, wie die Kriterien für Nachhaltigkeit eindeutig definiert werden. Da sollte die Politik besser klare Verbote aussprechen und nicht die Banken dazu missbrauchen, den Kampf mit den Kunden auszutragen. Der Bankenstandort Europa muss aufpassen, dass er als Musterschüler gegenüber den USA nicht zu sehr ins Hintertreffen gerät.

 

Kann die Oberbank abgesehen davon ihr Geld im Nullzinsumfeld überhaupt noch gewinnbringend veranlagen?
Gasselsberger: Wir tun uns schwer. Risikoarme Veranlagung ist de facto unmöglich geworden, weil Anleihen praktisch wegfallen. Wir haben aber 2019 natürlich wie andere Anleger auch von der guten Entwicklung der Börsen profitiert.

 

In Deutschland wird Banken schon geraten, Cash zu horten, statt dafür bei der EZB Negativzinsen zu zahlen...
Gasselsberger: Wir haben uns das mit Versicherungs- und Raumkosten durchgerechnet: Es zahlt sich nicht aus. Die Geldpolitik der EZB ist absolut frustrierend, denn sie hat nichts erreicht. Man hat verabsäumt, die Hochkonjunkturphase, anders als die Amerikaner, zu einer Normalisierung zu nutzen und die hoch verschuldeten Staatshaushalte zu Reformen zu drängen. Mich wundert, dass in Österreich der Aufschrei der Menschen kein größerer ist. Man nimmt den Realwertverlust des Geldes ruhig zu Kenntnis, während in Deutschland lautstark von Diebstahl die Rede ist.

 

Würden Sie Ihren Privatkunden Negativzinsen verrechnen, wenn es erlaubt wäre?
Gasselsberger: Die Frage stellt sich nicht, und deshalb spekuliere ich nicht darüber.

 

Wird man in Österreich stattdessen die Bankgebühren erhöhen müssen?
Gasselsberger: Der Wettbewerb in Österreich ist zu stark, als dass hier eine Bank vorpreschen würde. Wir sind alle zu mutlos.

 

Welche Rahmenbedingungen erhoffen Sie sich von einer neuen Regierung?
Gasselsberger: Ich möchte keine Schönwetter-Regierung, sondern eine, die zu ernsthaften Reformen bereit ist: endlich eine Steuerreform, eine Ausgabenbremse, eine Belebung des Kapitalmarkts und eine Pensionsreform. Letztere ist für mich zentral, weil man sich dadurch im Budget viele Spielräume schaffen könnte. 22 Milliarden Euro im Jahr beträgt der Zuschuss zu den Renten bereits. Aber offenbar will die ÖVP ihre Hauptklientel nicht verärgern. Die Reform wäre eben eine Frage des richtigen Marketings.

 

Wie stellen Sie sich Belebung des Kapitalmarkts konkret vor?
Gasselsberger: Ich meine damit nicht bloß mehr Finanzbildung, sondern handfeste Maßnahmen: Die Vermögenszuwachssteuer sollte sich an der Behaltefrist von Wertpapieren orientieren. Außerdem sollte die zweite und dritte Säule des Pensionssystems vom Staat incentiviert werden. Wenn die Österreicher Steuern sparen, dann rennen sie.

 

Die letzte Regierung hatte eine Finanzaufsichtsreform fix fertig, die auch kritisiert wurde. Plädieren Sie für deren Umsetzung?
Gasselsberger: Dazu ist zu sagen, dass sich die FMA sehr positiv entwickelt hat. Sie sucht verstärkt das Gespräch mit den Banken, sinnlose Kleinstbestrafungen sind zurückgegangen. Eine Aufsichtsreform sollte die Effizienz steigern, die Kosten reduzieren und die Transparenz erhöhen. Das fertige Paket würde diese Anforderungen erfüllen. Daher wären wir dafür, es genau so umzusetzen. Die operative Aufsicht sollte ganz bei der FMA liegen, auch weil sie eine viel günstigere Kostenstruktur als die OeNB hat.

 

Die 3-Banken-Gruppe inklusive Oberbank liegt im Streit mit ihrem größten Aktionär, der UniCredit. Wie viel Zeit und Geld kostet das?
Gasselsberger: Die UniCredit hat tatsächlich eine Klagsflut vom Zaun gebrochen. Die Anwälte sind auf beiden Seiten sicher gut beschäftigt. Auch als Vorstand haben wir natürlich ein waches Auge darauf. Aber vom Tagesgeschäft kann uns das nicht ablenken.

 

Wie sieht Ihre Prognose aus? Wie wird die Sache ausgehen?
Gasselsberger: Schwer zu sagen. Wieso die UniCredit so einen Aufwand betreibt, ist uns nicht ganz klar. Sie hat erst kürzlich bekanntgegeben, 500 Filialen schließen und 8.000 Mitarbeiter abbauen zu wollen. Die UniCredit braucht also eindeutig Geld. Das erklärt vielleicht auch dieses aggressive Vorgehen und den Appetit auf die 3-Banken-Gruppe.

 

Wird sich etwas an der Struktur der 3-Banken-Gruppe ändern müssen, um die Auseinandersetzung zu beenden?
Gasselsberger: Aus meiner Sicht nicht. Wir stehen auf festem juristischen Boden und werden auch am Ende eine unabhängige Oberbank und eine unabhängige 3-Banken- Gruppe bleiben. Wenn es erforderlich sein sollte, werden wir das Unsrige beitragen, um dieses sinnlose juristische Hickhack rasch zu beenden.

 

Quelle: Trend, zu finden auf www.trend.at, 14.01.2020