10.11.2021 ‐ Presse

Nichts gemacht, um Kapitalmarkt zu stärken

Generaldirektor Franz Gasselsberger kritisiert die Regierung, bei der Steuerreform den Kapitalmarkt umgangen zu haben, kann nicht sagen, ob wir uns nicht schon in einer Immobilienblase befinden, und will höhere Zinsen.

 

Quelle: Presse, 10.11.2021

Quelle: Foto Lui, 2021

 

Die Presse: Zu Jahresbeginn haben Sie den größten Aufschwung seit dem Zweiten Weltkrieg angekündigt. Ist es so gekommen?
Gasselsberger: Das ist auch eingetreten, wir hatten hervorragende neun Monate. Was wir aber nicht vorhersehen konnten, war die Überhitzung der Konjunktur. In den nächsten Quartalen dürfte sich das Wachstum abschwächen, weil die Lieferkettenprobleme die Logistikkosten enorm erhöht haben, auch die Energiepreise sind ein gewaltiges Thema. Das trifft vor allem die Industrie - und die war heuer für 70 Prozent des Wachstums verantwortlich. Ein noch viel größeres Problem ist der Arbeitskräftemangel.


Also schlechte Aussichten?
Positiv stimmen mich zwei mögliche Wachstumstreiber: Der Tourismus, der noch nicht zu alter Stärke zurückgefunden hat, und der Konsum. Es liegt viel Geld auf den Konten herum, die Leute können es nicht ausgeben, siehe Wartezeiten bei Neuwagen. Das sind die Chancen für nächstes Jahr.


Der steigenden Inflation sehen Sie entspannt entgegen?
Sorgen machen mir ihre Folgen für Anleger: Der Realwertverlust der Einlagen ist gewaltig. Wenn wir eine Inflation von vier Prozent annehmen, verliert das Vermögen in fünf Jahren 20 Prozent an Wert. Das ist schlimm. Das muss man den Leuten ungeschminkt sagen. Geld am Konto zu lassen ist keine Anlagestrategie. Da muss man sich was überlegen.


Die Regierung hätte das bei der Steuerreform machen können.
Ja, da habe ich mir mehr erwartet. Zum Beispiel die Behaltefrist, also dass Gewinne steuerfrei sind, wenn man Aktien eine gewisse Zeit hält. Das hätte nicht viel gekostet, wäre aber symbolträchtig gewesen. Das hätte Anlegern und Unternehmen gutgetan. Ich bin auch enttäuscht, dass das Eigenkapital nicht gestärkt wurde. Die Gleichstellung von fiktiven Eigenkapitalzinsen wäre den Grünen zu verkaufen gewesen: Sie fordern die größte Transformation aller Zeiten, da hätte man das super argumentieren können, dass die Unternehmen dafür mehr Risikotragfähigkeit brauchen. Oder eine geringere Besteuerung von nicht entnommenen Gewinnen. Es gäbe eine Palette an Möglichkeiten, aber man hat nichts gemacht, um den Kapitalmarkt zu stärken.


Hat die Politik mit den jüngsten Skandalen dem Wirtschaftsstandort geschadet?
Solche Diskussionen tun einer Volkswirtschaft nie gut. Aber man sollte die Dinge nicht überbewerten. Für die wirtschaftliche Entwicklung wird das keinen nachhaltig negativen Effekt haben, auch wenn ausländische Medien, wie zuletzt die "Financial Times", furchtbare Artikel über uns schreiben und uns in die Nähe des Balkans rücken.


Was halten Sie davon, dass der Staat eine stärkere Rolle in der Wirtschaft eingenommen hat?
Selbst diejenigen, die immer betonen, "je weniger Staat, umso besser", haben ganz laut nach Hilfen geschrien. Die Unternehmen haben zu Beginn jede Überbrückungsfinanzierung genommen, die sie bekommen konnten. Stundungen, die nicht gebraucht wurden, wurden in Anspruch genommen. Die Staatshilfen haben die Situation deutlich entspannt. In Summe war das richtig.


Es war also die höhere Verschuldung wert?
Obwohl die Regierung für die Pandemie viel Geld in die Hand genommen hat, ist die Verschuldung Österreichs auf einem vergleichsweise exzellenten Niveau. Daher stufen uns die Ratingagenturen hervorragend ein. Das ist auch für Banken wichtig, weil es die Grundlage unseres Ratings ist.


Der Leitzins ist seit 2016 bei null Prozent, die EZB kauft Anleihen in Billionenhöhe. Noch nie war so viel Geld im System - und es fließt in Bereiche, wo es nicht gut aufgehoben sein könnte. Beunruhigend?
Es gibt die Flucht in die Immobilie. Die Nationalbank warnt, dass Immobilienpreise und Preissteigerungen extrem hoch sind. Das stimmt, aber ob wir uns bereits in einer Blase befinden, das kann ich nicht sagen, das traue ich mich nicht zu behaupten. Aber alle um uns herum gehen in den Normalmodus: Tschechien und Ungarn hatten heuer vier Zinserhöhungen, die Amerikaner werden nächstes Jahr erhöhen. Wir hätten Spielräume. Die Zinsen in einer Hochkonjunktur gar nicht anzuheben halte ich für nicht in Ordnung.


Wenn Sie nicht einschätzen können, ob wir uns auf dem Immobilienmarkt schon in einer Blase befinden, heißt das ja auch schon etwas.
Ja, aber legen Sie mir da nichts in den Mund, was ich nicht gesagt habe. (lacht)


Die EZB verrechnet Banken seit 2019 Negativzinsen von minus 0,5 Prozent, wenn sie Einlagen bei ihr parken. Geben Sie das an Ihre Kunden weiter?
Wir verrechnen im Firmenkundenbereich ab einer Summe von 30.000 Euro Negativzinsen. Im Privatkundenbereich dürfen wir das ja nicht machen.


Und die Kunden akzeptieren das?
Das sind keine Wohlfühlgespräche.


Die Oberbank soll der direkten Kontrolle der EZB unterstellt werden. Wann ist es so weit?
Ab einer Bilanzsumme von 30 Mrd. Euro wird man direkt von der EZB beaufsichtigt. Aus heutiger Sicht dürfte das 2025/2026 der Fall sein. Dafür haben wir ein eigenes Projekt, "fit4EZB". Wir schauen, wo wir uns fachlich verstärken und wo wir in die IT investieren müssen. Wir werden mehr Daten liefern und mehr Meldungen machen müssen.


Wie viel wird das kosten?
Wir rechnen damit, dass die Mehrkosten durch die direkte Beaufsichtigung bei 1,5 bis zwei Mio. Euro pro Jahr liegen könnten.


Das Beteiligungsergebnis der Oberbank drehte im ersten Halbjahr von minus 45 Mio. Euro auf plus 43,8 Mio. Euro. Ist es nicht mühsam, so stark von anderen Unternehmen abhängig zu sein, auf deren Performance Sie nur wenig Einfluss nehmen können?
Nein, das operative Geschäft macht bei uns den Löwenanteil aus. Unsere drei Industriebeteiligungen, Voestalpine, Lenzing und Energie AG, halten wir seit Jahrzehnten und wollen das weiter tun. Sie bringen uns hohe und stabile Erträge. 2020 war ein Ausnahmejahr, aber die Voestalpine hat uns in den vergangenen 17 Jahren mehr als eine halbe Milliarde Euro an Erträgen gebracht.


Die neuen Basel-Regeln sehen vor, dass Unternehmensbeteiligungen mit mehr Eigenkapital hinterlegt werden müssen. Das könnte teuer werden.
Das dürfte für bestehende Beteiligungen vom Tisch sein. Ich bin mir sehr sicher, dass wir sie so behandeln dürfen wie in der Vergangenheit auch.


Die 3-Banken-Gruppe, zu der Oberbank, BTV und BKS gehören, ist seit März 2019 in einem Eigentümerstreit mit der Bank Austria, die rund 27 Prozent an der Oberbank hält. Wie ist der aktuelle Stand?
Es sind diverse Verfahren anhängig. Wir müssen die Urteile abwarten, sind uns aber unserer Rechtsposition sehr sicher. Mehr kann und will ich dazu nicht sagen.


Was wird die EZB zu dieser schwierigen Eigentümersituation sagen, wenn ihr die Oberbank direkt untersteht?
Das werden wir sehen, wenn es so weit ist. Ich glaube aber nicht, dass sich die Aufsicht erst dann damit beschäftigen wird. Das Thema ist ja transparent und öffentlich.


Wollen Sie keine Einigung mit der Bank Austria suchen?
Da gehören immer zwei dazu. Wir sind gesprächsbereit und offen. Aber es muss am Ende des Tages eine Win-win-Situation für beide Seiten sein, nicht nur für eine. Aber die Unabhängigkeit steht nicht zur Disposition.