10.10.2018 ‐ Eventnachbericht

Vom Mauerfall zur Deutschen Einheit

Historisch wie persönlich beeindruckte der ehemalige Ministerpräsident der DDR, Lothar de Maizière, das zahlreich erschienene Publikum anlässlich des Tages der Deutschen Einheit am Dienstag, den 9. Oktober 2018, im Oberbank Donau-Forum.

Im Bild (v.l.n.r.): Kurt Rammerstorfer (Landesdirektor ORF Oberösterreich), Franz Gasselsberger (Generaldirektor der Oberbank), Lothar de Maizière (Ministerpräsident und Bundesminister a.D.), Frank Rückert (Gesandter des Botschafters der Bundesrepublik Deutschland in Österreich) und Thomas Stelzer (Landeshauptmann von OÖ), Fotoquelle: Eric Krügl

 

Erfolgsprojekt EU

Gastgeber Franz Gasselsberger warnte in seinem Vortrag unter anderem vor der größten Gefahr – nämlich vor nationalen Abschottungstendenzen und dem sich ausbreitenden Populismus. Letzterer mache die EU für jedwede Fehlentwicklungen und Missstände verantwortlich. Dabei habe sie in der Krise ab 2008 für Stabilität gesorgt und die Wirtschaft vor einem Kollaps bewahrt. Außerdem sei sie das erfolgreichste Friedensprojekt aller Zeiten. Der Generaldirektor der Oberbank appellierte an die Politik, die richtigen Prioritäten zu setzen: „Unsere langfristige Zukunft hängt nicht in erster Linie von der Balkanroute ab. Vielmehr haben wir der Jugend Bildung und Wissen zu ermöglichen, Solidarität und Gemeinwohl des europäischen Zusammenlebens über den nationalen Egoismus zu stellen, Werte wie Innovationskraft und Forschergeist zu fördern!“

 

Anforderungen an konstruktives Miteinander

Landeshauptmann Thomas Stelzer nannte im Talk mit Moderatorin Christine Haiden die Lehren, die er aus dem Berliner Mauerfall gezogen hatte:

Eine wichtige Rolle der Politik ist es, Mut zu zeigen. Wir sind dabei grundsätzlichen Werten und Idealen verpflichtet. Und es ist ratsamer, gründliche als schnelle Antworten auf die drängenden Fragen zu geben!

Frank Rückert, Gesandter des Botschafters der Bundesrepublik Deutschland in Österreich, stellte fest: „Grenzen und Mauern haben meist etwas Schützendes und Trennendes zugleich. Die Berliner Mauer war nur trennend, wobei die unsichtbaren Mauern in den Köpfen und Herzen der Menschen noch lange fortbestehen. In einer Welt voller gegenseitigen Abhängigkeiten und Verflechtungen ist Abschottung einfach unmöglich, das Vertrauen in Partner und das Überwindung von Gegensätzen muss oberstes Gebot sein!“

 

Disziplin und Gorbatschow führten zur Freiheit

Der Hauptreferent des Abends, der ehemalige letzte, demokratisch gewählte Ministerpräsident der DDR, Lothar de Maizière, referierte zum Thema „Die Bedeutung des Mauerfalls für Europa“. Er gewann sogleich mit seiner authentischen und humorvollen Art die Sympathien der Gäste. Er schilderte das große Ereignis des Umbruchs als geordnete Revolution, bei der die Mauer nicht gefallen sei, sondern weggedrückt wurde. Die Menschen verhielten sich sehr diszipliniert, wie eine Demonstration in Leipzig mit (nur) brennenden Kerzen bewiesen habe. Während sich osteuropäische Staaten wie Polen, Tschechien oder Ungarn früher vom starren System lösten, blieb die DDR zunächst unbeweglich. Am Tag des Mauerfalls, am 9. November 1989, saßen in Ostdeutschland allerdings 47.000 Menschen schon auf gepackten Koffern. Die Exekutive verhielt sich bemerkenswert passiv und kooperationsbereit – das Entscheidende aber: Die Regierung unter Gorbatschow hielt 500.000 sowjetische Besatzungssoldaten dazu an, nicht wegen der Massenkundgebungen und Fluchtbewegungen der Bevölkerung einzugreifen.

Nach der deutschen Wiedervereinigung waren laut Maizière mit der großen Beitrittswelle seit 2004 und dem Friedensnobelpreis 2012 ein Erfolgslauf für die Europäische Union zu beobachten. Leider seien aktuell wieder Rückschritte in einigen osteuropäischen Ländern oder der Brexit zu in Kauf zu nehmen. Er outete sich mit einem Zitat von Václav Havel als überzeugter Europäer: “Die EU muss die Heimat unserer Heimatländer sein!“

 

Lothar de Maizière (Ministerpräsident und Bundesminister a.D.), Fotoquelle: Eric Krügl

 

Optimistischer Ausklang

Ein Beitrag von 1989 aus der DDR des damaligen Deutschland-ORF-Korrespondenten Kurt Rammerstorfer über den Mauerfall leitete eine weitere Talkrunde mit dem zum Landesdirektor des ORF OÖ Avancierten und Lothar de Maizière ein. Rammerstorfer bezeichnete sich als den ersten Journalisten, der von Ost- nach Westdeutschland über ein geöffnetes Tor gelangte, wobei er von der Euphorie der Menschen einfach mitgerissen wurde. Er halte die heutige demokratische Kultur der Deutschen für zukunftsfähig und stark genug, um den populistischen Tendenzen entgegenzuwirken.

Maizière sah die Lage kritischer: Viele Bewohner aus dem ehemaligen Osten fühlten sich abgehängt, Akteure aus dem Westen bespielen die Klaviatur der Unzufriedenen. Der Prozess der Wiedervereinigung dauere länger als gedacht. Christine Haiden zitierte dann aber noch als ermutigendes Schlusswort den Hauptredner:

Nicht was wir waren, sondern was wir sein wollen, eint den Staat!