10.09.2021 ‐ Eventnachbericht

Balanceakt Demokratie

Unser politisches System steht in Pandemiezeiten besonders auf dem Prüfstand. Wie fragil Demokratie und ihre Werte sind, erörterten im Oberbank Donau-Forum am Donnerstag, den 9. September 2021, Vertreter aus Politik, Kirche und Wissenschaft.

Im Bild v.l.n.r.: Dr.in Christine Haiden (Moderation), Dr. Franz Gasselsberger, MBA (Oberbank), Univ.-Prof.in Dr.in Klara-Antonia Csiszar (KU Linz), Prof. Dr. Norbert Lammert (Präsident des Deutschen Bundestages a.D.), Dr. Manfred Scheuer (Diözesanbischof von Linz); Foto: Eric Krügl

 

Glaubensbekenntnis des Hausherren

Gastgeber Franz Gasselsberger sieht zwar Geldwerte wie Vermögens-, Bilanz,- oder Ertragswerte als finanzwirtschaftliche Maßstäbe für eine Bank. Wesentlich sei aber der Kern der Wertschöpfung. Dabei bilde der „Kredit“ als Vertrauen die Basis der Beziehungen zwischen Bank, Geldgebern, Sparern oder Aktionären. In Hinblick auf die dramatischen Veränderungen in der Gesellschaft hält der Oberbank-Manager Passivität für eine gefährliche Begleiterscheinung:

Ich möchte davor warnen, sich dem Gefühl hinzugeben, wir müssten die Zukunft erleiden und wären angesichts aktueller Entwicklungen machtlos. Jeder von uns – und vor allem wir gemeinsam – können Einfluss nehmen.

Verständigung zwischen Religionen

Josef Pühringer, Landeshauptmann von OÖ a.D. und Vorsitzender von PRO ORIENTE der Sektion Linz, stellte klar:

Auch Religionen müssen sich füreinander öffnen. Damit leisten sie einen wesentlichen Beitrag für ein neues Europa.

Er wies  auf die Zeit der größten Christenverfolgung hin – nämlich auf die Gegenwart. Weltweit seien davon zwei Millionen Menschen betroffen.

 

Vermeintlicher Triumph der Demokratie

Schon der Beginn des Vortrags von Norbert Lammert, Präsident des Deutschen Bundestags a.D., hatte es in sich:

„Demokratie“ als Begriff hat sich global durchgesetzt– keineswegs aber als Sachverhalt. Zwischen Realität und Erwartung herrscht eine große Lücke. Zudem sind Entwicklungen wie bei der Informationstechnologie oder Digitalisierung nicht mehr umkehrbar – sehr wohl aber der Prozess der Demokratie.

Die Brennpunkte bilden dabei Mehrheiten und Minderheiten. Mehrheitsentscheidungen sind nicht per se wahr und richtig, es existieren viele legitime Interessen und Meinungen. Diese gelte es in regelmäßigen Wahlen neu zu bestimmen. Dabei seien Grundrechte wie Meinungs,- Rede,- und Religionsfreiheiten unabhängig von den Machtverhältnissen unantastbar. Diese und andere Minderheitenrechte ließen sich durch eine unabhängige Justiz garantieren.

 

Aktuelle Gefahr

Was betrachtet der Vorsitzende der Konrad-Adenauer-Stiftung als besondere Bedrohung? Früher prüften Experten Informationen auf Qualität und Wahrheitsgehalt. Heute sparen sich Meinungsbildner wie Donald Trump in den sozialen Netzwerken diesen Aufwand. Sie produzieren eine Flut an Fake News, die ungefiltert von ihren Anhängern konsumiert werden. Dies führe zu fatalen Auswirkungen auf das Urteilsvermögen von Teilen der Gesellschaft. Schließlich sichern nicht Verfassungstexte die Stabilität einer Demokratie, sondern die Einsicht der Bürger in die Notwendigkeit, geltende Regeln zu beachten und immer wieder neu zu formulieren. Grundpfeiler seien und bleiben freie Wahlen. Weltweit leben übrigens nur 10 Prozent der Menschen unter demokratischen Verhältnissen!

 

Im abschließenden Podiumsgespräch unter der Moderation von Christine Haiden machte Manfred Scheuer, Diözesanbischof von Linz, auf die Rolle kirchlicher Organisationen wie der Benediktiner beim Übergang von der Monarchie zur Republik aufmerksam. Klara-Antonia Csiszar, Professorin der Pastoraltheologie der KU Linz bemerkte, dass Minderheiten in Rumänien gewisse Privilegien genossen, die sonst in Osteuropa nicht üblich waren. Eine Gesellschaft erweise sich eben als stark, wenn sie sich um diverse Gruppen kümmert. Norbert Lammert erinnerte an das Zitat Obamas: „Die Demokratie ist am meisten gefährdet, wenn man sie für selbstverständlich hält.“ Wie aber ist eine demokratische Gesinnung zu stärken? Allgemeiner Tenor:  Durch Lernfähigkeit, ganzheitliche Bildung, Empathie und Humor, um auch den eigenen Standpunkt zu relativieren.