Wachsen und Wachstum neu denken

Wie Kreislaufwirtschaft in der Praxis funktionieren kann

Ob Sauerstoff oder Energie – wenn sie verbraucht sind, kommen keine neuen nach. Deshalb müssen wir andere Prinzipien des Wirtschaftens erdenken und erproben. Die Kreislaufwirtschaft ist eine davon. Wie Unternehmen die zirkuläre Innovation organisieren können, lesen Sie in diesem Artikel des Nachhaltigkeitsexperten Günther Reifer vom terra institute.


Zunächst einmal muss für alle klar sein: Ein Unternehmen allein kann selten ein Kreislauf sein. Unternehmen müssen sich als ein Teil im gesamten Puzzle begreifen und andere mitnehmen. Andernfalls passiert es, dass an irgendeiner Stelle im Gesamtsystem der Abfall der gesamten Wertschöpfungskette anfällt. „Andere mitnehmen, das gelingt nie! Zu komplex!“ Keinesfalls! Wer erst einmal verstanden hat, welches Innovationspotential in der Kreislaufwirtschaft liegt, brennt darauf, zirkuläres Denken in seinem Unternehmen zu implementieren und findet jene Argumente, die auch LieferantInnen und DienstleisterInnen und nicht zuletzt KundInnen überzeugen.


Produkte und Komponenten im Kreis zu erhalten und damit ihren Lebenszyklus bedeutend zu verlängern, ist das Beste, was wir tun können. Recycling ist dabei nur als letzte Strategie anzuwenden, wenn die Produkte selbst bzw. ein großer Teil der Komponenten nicht mehr wiederverwendet, repariert, nachgerüstet oder neu aufbereitet werden kann. So entstand Ende der 1990er Jahre die heute in Mitteleuropa stark verbreitete Qualitätsmarke Cradle to Cradle (C2C), als Ausdruck einer erfolgreichen Kreislaufwirtschaft. Cradle to Cradle heißt auf Deutsch „Von der Wiege zur Wiege“. Sämtliche Produkte sollen nach C2C einen technischen oder einen biologischen Kreislauf durchlaufen.

 

 

Technischer und biologischer Kreislauf

Beim technischen Kreislauf geht es um die Lebenszyklusverlängerung über neue Business Modell-Ansätze, im biologischen Kreislauf geht es darum, den Wert der organischen Materialien in jedem Stadium der Zersetzung zu erhalten und wiederzugewinnen. Die lineare Wirtschaft (take – make – waste) wird hingegen als ein Prozess von der Wiege zur Bahre beschrieben, in dem Müll, in Form von außer Wert gesetzter Ressourcen, anfällt.


Heute ist Cradle to Cradle Certified der weltweit höchste Standard für Produkte, die sicher, kreislauffähig und verantwortungsvoll hergestellt sind. Inzwischen bei Version 4.0 angekommen, können Unternehmen ihre Produkte einer Zertifizierung unterziehen, die insgesamt fünf Bereiche betrachtet und bewertet: Materialgesundheit, Kreislauffähigkeit, Einsatz erneuerbarer Energien, verantwortungsvoller Umgang mit Wasser sowie soziale Gerechtigkeit. Der Unterwäschehersteller Calida, Strümpfeproduzent Wolford, der Möbelhersteller Steelcase oder das Reinigungslabel Frosch bieten beispielsweise bereits einzelne zertifizierte Produkte an.

 

Was sind die größten TreiberInnen im Kreislauf?

Die biologische und technische Regeneration der sogenannten Schmetterlings-Wirtschaft, wie die Kreislaufwirtschaft noch genannt wird, sind die größten Innovations-TreiberInnen im Kreislauf. Die Ellen McArthur Foundation zeigt plakativ auf, was das bedeutet.

 

  • Biologische Regeneration der Verbrauchsprodukte: Lasst uns diese Produkte immer als biologische Nährstoffe betrachten. Wenn wir sie und ihre Verpackungen neu denken und neu designen, können wir sichere und kompostierbare Materialien schaffen, die zum Nährboden für weitere essbare Produkte werden.

 

  • Technische Regeneration der Gebrauchsprodukte: Waschmaschinen, Kühlschränke, Mobiltelefone oder Autos sind nicht kompostierbar. Sie sind aber zerlegbar in wertvolle Metalle, Polymere und Legierungen, die ihren Wert erhalten, sofern wir die Produktzyklen weiterdenken. Wenn wir über das Ladenregal hinausdenken und den Gesamtprozess als Produkt-Asset verstehen, dann sind die Produkte von heute die Ressourcen von morgen. Sie sind dann nicht mehr Müll, den man beseitigen muss, sondern kommerzielles Potential.

 

Damit führt die Kreislaufwirtschaft von der Wegwerf-Gesellschaft zu einer Adoptions-Gesellschaft: Menschen nehmen ein Produkt lediglich in Nutzen und Pflege, geben es zurück und erneuern es, denn seine Komponenten sind dazu designt, dass sie zerlegt und regeneriert werden können.

 

Performance Economy

Diese Lösungen, die den Produktzyklus verlängern, sind die Basis neuer Geschäftsmodelle, die dem „Eigentum“ den „Besitz“ vorziehen. Genau das sind die Grundgedanken der „Performance Economy“ von Walter Stahel, einer Schweizer Koryphäe der Kreislaufwirtschaft. Sein Beispiel: KundInnen möchten es hell haben, wenn es dunkel ist, damit sie arbeiten können, damit sie eine angenehme Atmosphäre erleben und vielleicht Geschmack bei der Einrichtung des Büros oder des Wohnzimmers beweisen.


Sehr viel seltener möchten KundInnen Leuchten als Wertanlagen besitzen. Was wäre, wenn Sie ein Produkt nie besitzen würden, sondern es stattdessen einfach nur von den HerstellerInnen leihen? Und damit letztlich nicht die Leuchten, sondern nur deren Performance, also die Helligkeit, kaufen? Der Gedanke ist revolutionär: Künftig bleiben die HerstellerInnen EigentümerInnen der Materialien und Produkte.
Die KundInnen bezahlen damit nicht für das gesamte Produkt, sondern nur für das Bereitstellen der Technologie und der „Performance“. Wäre dies der Fall, so würden HerstellerInnen ganz selbstverständlich in hochwertige und langlebige Komponenten investieren, diese sorgsam pflegen, weil sie sie immer wieder reparieren, upcyceln, upgraden und updaten wollten. Wenn die KundInnen etwas nicht mehr brauchen, nehmen die HerstellerInnen es zurück, was für diese dann kein lästiges Zugeständnis mehr ist, sondern die Rückgewinnung einer wertvollen Ressource.

 

Vielleicht bedeutet Handel künftig nicht mehr, Produkte zu kaufen und zu verkaufen, sondern Lösungen und Technologie in Lizenz zu geben und zu nehmen. Lokal können Geschäftszweige entstehen, die sich auf das Zusammensetzen von Produkten und das Reparieren von Komponenten verstehen. Ersatzteile werden aus nachhaltigem Material im 3D-Verfahren gedruckt, weil HerstellerInnen nicht mehr in Form von Silos denken und an all ihren Patenten festhalten, sondern ihre Blaupausen Open Source im Lizenzmodell zu Geld machen.

 

Kreisläufe lassen sich verbinden

Es gibt bereits erste Produkte, die zu ihren HerstellerInnen zurückfinden, deren technische Materialien wiedereingesetzt werden und deren biologische Bestandteile den agrarwirtschaftlichen Wert erhöhen. Produkte, bei denen entlang der gesamten Wertschöpfungskette nur reine, erneuerbare und nicht-toxische Ressourcen ins Spiel kommen, d.h. dass mit erneuerbarer Energie sowohl produziert als auch transportiert wird. Diese Modelle versprechen, langfristig Wohlstand herbeizuführen und es gibt international immer mehr Firmen, die diese Art zu arbeiten übernehmen wollen, um so Werte zu schaffen und zu erhalten. Von französischer Autoproduktion über Palmölfarmen bis hin zu schwedischen Möbeln – Unternehmen verschiedenster Branchen machen sich derzeit in Richtung Kreislaufwirtschaft auf den Weg.

 

Dieser Artikel wurde im Oktober 2022 verfasst.

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Haftungsausschluss: Die Ausführungen in diesem Artikel stammen von Günther Reifer, CEO Terra Institute und erfolgen trotz sorgfältiger Bearbeitungen ohne Gewähr. Die Oberbank AG übernimmt für die Richtigkeit der Ausführungen in diesem Artikel keinerlei Haftung oder Verantwortung.

 

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Günther Reifer

CEO terra institute

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