Experteninterview: Optimismus wirkt!

Wie man sein Unternehmen, seine MitarbeiterInnen und sich selbst durch die Krise führt

Mutig, nüchtern, optimistisch und mit Weitblick agieren und investieren. Das rät Wirtschaftspsychologin und Unternehmensberaterin Mag. Halina Gruber allen UnternehmerInnen. Sie zeigt strategische Möglichkeiten sowie effektive Maßnahmen in Zeiten des Wandels auf. Mit ihr hat die Oberbank aber auch über die aktuellen gesellschaftspolitischen Herausforderungen gesprochen.

 

Was macht die Krise aus der Sicht einer Wirtschaftspsychologin mit den Menschen generell?

Es gibt zwar keine generelle Reaktion auf eine Krise, aber eines ist wohl für uns alle gleich, die Krise hat uns unsere Normalität genommen und durch Unsicherheit und fehlende Planbarkeit ersetzt. Die Pandemie beinhaltet eine Reihe von Bedrohungen. Dazu gehört die gesundheitliche Bedrohung des Einzelnen aber auch unseres Gesundheitssystems. Doch auch politische Maßnahmen, wie die Einschränkung persönlicher Freiheiten und resultierende wirtschaftliche Konsequenzen bis hin zur Gefährdung der Existenz, spielen eine große Rolle. Je nachdem wovon sich der Einzelne am stärksten betroffen fühlt, stehen unterschiedliche Emotionen und Reaktionen im Vordergrund. Einheitlich ist, dass die Krise uns Sicherheit nimmt und wir uns neu orientieren müssen. Je nachdem auf wieviel Sicherheit, in Form von materieller Sicherheit (Vermögen oder Jobsicherheit), Rückhalt (durch soziale Eingebundenheit, ob privat oder beruflich), Selbstvertrauen (Vertrauen in meine Kompetenz, Resilienz und Anpassungsfähigkeit) und Urvertrauen (Vertrauen, dass die Zukunft gut wird), wir zurückgreifen können, gelingt das unterschiedlich gut.

 

Sinkt damit auch die Lebenszufriedenheit im Land?

Aktuell würde ich schon behaupten, dass eine generelle Unzufriedenheit herrscht. Die Mehrheit von uns erlebt eine Diskrepanz zwischen dem, was wir möchten und dem, was derzeit real bzw. möglich ist. Unsere normale Reaktion wäre Handlungen zu setzen, um dem gewünschten Zustand wieder näher zu kommen. Da dieser Umstand aber nicht von uns herbeigeführt werden kann, fühlen wir uns ohnmächtig und unzufrieden. Ermüdung, Motivationsverlust, sowie Konzentrationsschwierigkeiten, Angst und Rückzug sind typische negative Anpassungsreaktionen.

Aber auch Aktionismus und steigende Aggressionsbereitschaft sind nur ein Versuch wieder Kontrolle zu erhalten. Diese Emotionen werden teilweise auf andere Bereiche projiziert, die bereits vor der Krise, zwar nicht in dieser extremen Form, als unfair oder frustrierend erlebt wurden. Es kommt daher zu polarisierenden und spaltenden Dynamiken in der Gesellschaft. Ich befürchte, dass sich das nun im zweiten Lockdown verschärft.

 

Welche Herausforderungen aus wirtschaftspolitischer – und gesellschaftspolitischer Sicht stehen uns noch bevor?

Ich denke, dass wir die bereits begonnene Spaltung in der Gesellschaft bearbeiten müssen. Dabei sollten wir eine offene Diskussion führen und ein wachsames Auge haben auf die gesellschaftspolitischen Entwicklungen in Bezug auf Freiheit und Demokratie. Die wirtschaftspolitischen Herausforderungen treffen die ganze Gesellschaft und nicht nur die Unternehmer. Hier ist es wichtig faire Lösungen zu finden, die nicht einzelne Interessensgruppen übersehen.   

 
Welche Probleme gibt es aus wirtschaftspsychologischer Sicht für die Unternehmen? Wie sollten UnternehmerInnen auf die Krise reagieren/damit umgehen?

Viele UnternehmerInnen sind im Moment sehr passiv. Sie riskieren nichts und könnten damit nach der Pandemie den Anschluss verpasst haben. Ich empfehle strategische Entscheidungen nicht zu lange hinauszuzögern und jetzt mutig, nüchtern, optimistisch und mit Weitblick zu agieren und investieren. Ein Blick auf das Konzept des Optimismus lohnt sich, um auch neue Wege und neue Möglichkeiten zu denken: Optimismus wirkt nicht nur in die Zukunft gerichtet, dass langfristig alles gut wird, sondern auch im Jetzt! Denn mit einer optimistischen Einstellung betrachtet man Rückschläge und Krisen als etwas Vorübergehendes, wodurch man, anstatt den Kopf in den Sand zu stecken, aktiv nach Lösungen sucht.

 

Natürlich empfinden auch Optimisten Ängste oder Sorgen, doch aufgrund ihrer Überzeugung aktiv die eigene Situation verbessern zu können, gelingt es ihnen, etwas zur Veränderung der eigenen Lage beizutragen. Der Unterschied liegt darin seine Energie nicht an Dinge zu verschwenden, die man nicht ändern kann, sondern bei veränderbaren Bereichen anzusetzen. Das schließt auch ein, verfügbare Unterstützungsmöglichkeiten zu nutzen und, bei Bedarf, auf externe Hilfe zurückzugreifen: etwa das eigene unternehmerisches Netzwerk, Coaches oder auch die/den BetreuerIn der Hausbank.


Sie bezeichnen es als Ihr Herzensanliegen, wieder Hoffnung in schwierige Situationen und Teams zu bringen. Haben Sie Tipps, wie sich UnternehmerInnen motivieren können, durchzuhalten und positiv zu bleiben? Und natürlich auch, wie man MitarbeiterInnen in dieser schwierigen Situation motiviert?

Am Wichtigsten für die Motivation sind das Erleben von Sinn, Stärken und die persönliche Vision. Besinnen Sie sich als UnternehmerIn darauf, warum Sie tun, was Sie tun. Was war Ihr ursprünglicher Beweggrund zu gründen? Was bewirken Sie mit Ihrer Arbeit bzw. Ihrem Unternehmen? Und welches ist Ihr übergeordnetes, langfristiges Ziel? Wenn Sie die MitarbeiterInnen dabei einbinden motivieren Sie diese. Gleichzeitig ist es wichtig, sie nicht zu überfordern. Angst blockiert Motivation.

 

Wenn Sie merken, dass MitarbeiterInnen durch die Krise antriebslos werden, vereinbaren Sie kleine konkrete Schritte in Richtung Ziele und evaluieren Sie gemeinsam, ob diese erreicht werden. Zielmonitoring ist in Bezug auf die Motivation von großer Bedeutung. Es erhöht das Sinnerleben, das Gefühl von Selbstwirksamkeit und veranschaulicht auch die Produktivität im Unternehmen. Fragen Sie außerdem wie Sie die Talente und Fähigkeiten der einzelnen MitarbeiterInnen am besten einsetzen können. Zahlreiche Studien zeigen, dass das Zusammenspiel von Herausforderungen und Stärken die Motivation positiv beeinflusst und gleichzeitig das Selbstvertrauen stärkt.

 

Team-Meeting

 

Welche Herausforderungen gibt es dabei und wie können UnternehmerInnen ihre MitarbeiterInnen gut durch die Krise führen?

Die Herausforderung liegt sowohl im Sicherheitsbedürfnis der MitarbeiterInnen als auch der Führungsebene. Denn auch bei UnternehmerInnen und ihren Führungskräften werden die Mechanismen der Angst und des Misstrauens aktiviert und manche verfallen gegenüber ihren MitarbeiterInnen im Homeoffice ins Mikromanagement.

 

Daher lautet die Empfehlung, sich zuerst um die eigene Stärkung zu kümmern. Dazu gehört, gut auf sich selbst schauen, sich Zeit und Raum nehmen, um Kraft zu tanken und die innere Sicherheit zu stärken. Auch Routinen geben ein Gefühl der Kontrolle. Die üblichen Komponenten eines gesunden Lebensstils wie ausreichend Bewegung und abwechslungsreiche Ernährung spielen ebenfalls eine große Rolle. Zudem sollten Sie soziale Kontakte digital pflegen. Besonders wichtig ist es, mit den Gedanken im Hier und Jetzt zu bleiben, denn negative Gefühle, wie Angst oder Stress, entstehen oft durch Nachdenken über die Vergangenheit oder Grübeln über die Zukunft.

 

In Bezug auf die MitarbeiterInnen kann gelebtes Vertrauen in Krisen Sicherheit und Halt geben und somit die Unsicherheiten der Krise teilweise kompensieren. Führungskräfte sollen Orientierung bieten und haltgebende Strukturen schaffen. Dazu gehören Klarheit über Erwartungen und Verantwortlichkeiten.   Ausreichend Kommunikation, transparente Entscheidungen und Partizipation vermitteln das Gefühl der Zughörigkeit und schaffen somit Vertrauen.  Es ist außerdem zurzeit von besonderer Bedeutung keine Versprechungen zu treffen, die nicht eingehalten werden können. Ansonsten wird mühevoll aufgebautes Vertrauen zerstört. Besser ist es, auf Beziehungsebene Nähe zu erzeugen indem Sie ein offenes Ohr für die Sorgen Ihrer MitarbeiterInnen haben.


Wer es jetzt schafft Vertrauen zu gewinnen, ermöglicht die notwendige Zusammengehörigkeit, um sowohl während als auch nach der Krise den Herausforderungen mit Mut zu begegnen.


Wann sollte man sich professionelle Hilfe organisieren?

Stellen Sie sich bei dieser Überlegung folgende Fragen und wenn die Antwort ja ist, zögern Sie nicht anzurufen:

  • Wie ist meine derzeitige Unternehmenssituation, brauche ich strategische Unterstützung?
  • Wie geht es meinen MitarbeiterInnen auf Führungsebene? Möchte ich eine resiliente und agile Unternehmenskultur aufbauen?
  • Erlebe ich bei mir, meinen Führungskräften und meinen MitarbeiterInnen negative emotionale Reaktionen? Nehmen Konflikte und psychische Belastungen zu?


Beratung sollte nicht erst in Anspruch genommen werden, wenn gar nichts mehr geht. Wenn man merkt, dass sich im Rahmen der eigenen Möglichkeiten keine Besserung einstellt, ist ein professioneller Blick von außen definitiv sinnvoll. Auch SportlerInnen lassen sich für ihre Erfolge coachen und so sollte es auch in der Wirtschaft sein! Dies ermöglicht auch in komplexen und dynamischen Zeiten auf allen Unternehmensebenen langfristig agil zu handeln.

 

Mag.a Halina Gruber
Arbeits- & Wirtschaftspsychologin/Gesundheitspsychologin
Führungskräfte-, Team- und Organisationsentwicklung
gruber@potenzialwerkstatt.at  | +43 676 86 86 1 86 1  | www.potenzialwerkstatt.at

 

Dieser Information wurde am 16.November 2020 erstellt.

Fotoquelle: Shutterstock

 

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Fotoquelle: Gruber

 

Mag. Halina Gruber
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